2008, unsere 1ste TransAlp:

Tourstart

WIR SIND WIEDER ZURÜCK -  und haben uns einen Traum erfüllt.    

Für jeden Mountainbiker ist eine Alpenüberquerung die Königsdisziplin seines Sports, deren Faszination  in dem ständigen Wechsel von Gipfelrausch und Adrenalinkick, sowie dem täglichen ausloten der persönlichen Grenzen liegt. So auch für Rolf Gumbert, Klaus Emser, Andreas Klan, Paul Ehrhardt mit seinen beiden Söhnen Paul Jr. und Max, sowie Rainer Brestel, Jürgen Klan und Martina Germann. 
Zwar sind alle mehrfach marathonerprobt und verfügen  alle über alpine MTB-Erfahrung, aber für die mehrtägigen Marathonleistungen  war eine umfangreiche Vorbereitung und diszipliniertes Training notwendig. Mit einer gesunden kritischen Selbsteinschätzung, durften wir behaupten, auf einem guten  bis sehr guten  technischen wie konditionellen  Level zu fahren. Unser Jüngster, Max, 18 J. genießt seit Jahren  eine profesionelle Ausbildung auf dem Rad, unser Senior, Paul, liebt seinen Sport über alles und steht mit 58 J. noch voll im Saft. Die Gruppe kennt sich seit langem und fährt mehr oder weniger regelmäßig auch zusammen. So wusste man seine Mitstreiter entsprechend einzuordnen. An oberster Stelle unserer Unternehmung stand jedoch: kein Rennen,  Landschaft genießen, Spaß haben und gemeinsam Ankommen. Die unweigerlich aufkommenden Strapazen, werden  ohnehin Belastungsproben für Mensch und Bike.
Einstimmig wollten wir unseren 1ten AlpenCross auch in anspruchsvoller Version erleben. 
Die Wunschstrecke sollte von Garmisch über div. alpine Sehenswürdigkeiten nach Riva del Garda führen. Da wir alle über zu wenig Zeit verfügen um die Tour selbst zu planen, teilten wir unsere Wünsche einem professionellen  AlpenCross-Veranstalter mit.
Gebucht wurde bei der Agentur "Alpenevent", die uns eine individuelle Wunschtour mit Guide stellte und sich während dieser Tagen als Top-Adresse für unsere Tour darstellte.
Am 05.07. schnürten wir endlich unsere  Rücksäcke und starteten zu unserem großen Abenteuer.
 
Etappe: Garmisch - Imst; km 65,5 HM 1.350.
 
Gestartet wurde auf dem Parkplatz der Kreuzeckebahn (Garmisch). Zum Warm fahren und Einrollen läuft es erstmal über einen Radweg nach Ehrwald. Wir lernen unseren Guide kennen:  Nicole 28 Jahre, im Jahr durchschnittlich 10 x auf AlpenCross unterwegs. Das Tempo ist zwar hoch aber wir ja noch taufrisch. Nach 15 km einrollen geht’s dann das 1ste mal zur Sache. Bei schwül warmem Wetter auf groben Schotter und 20%iger Steigung steigen wir Richtung Fernpass an, den wir allerdings auf dem Weg über das Marienjoch zu unserem Zwischenziel, der Marienbergalm rechts unter uns liegen lassen. Die Aussicht auf den Fernsteinsee tief unter uns sowie  auf die vor uns liegende Bergwelt lässt uns ahnen was wir an in den nächsten Tagen an „Natur Pur“ erleben sollten.  Auf der Marienbergalm stärken wir uns, und halten uns bis Imst auf der schönen und leicht zufahrenden zur MTB-Strecke (eigentlich mehr Radweg)  ausgebauten alten römische Handelsroute Via Claudia.
 
 
Etappe: Imst -- Nauders; km: 69,5 HM 2.184
 
Zunächst weiter auf der Via Claudia, über Kronburg , wunderschön idyllisch auf teils ruppigen Pfaden an die "Fliesser Platte" bei Landeck, einem Zeugnis alter römischer Straßenbaukunst (Karrenweg an steilster Felswand, mit schienenenenähnlichem Schliff, um die Karren vor dem Absturz zu bewahren). Nun wechselt sich Radweg, Straße und Trails regelmäßig ab. Nach einem kleinen Mittagessen bei Pfunds, geht es über die Kajetansbrücke kurz in die Schweiz. Hier setzte dann so starker Regen ein, das wir uns erst  einmal zu einer Kaffepause im Grenzkiosk entscheiden. Über eine Stunde sitzen wir fest. Die Beine wurde schwer und die Stimmung sank etwas, trotz heißer Ovo und Kaffee. Der Regen lässt zwar nach, aber der Zeitplan war dahin und eine  Routenänderung war  unumgänglich, was uns für die  Auffahrt zur  Norberthöhe  auf die  Passtrasse zwang. Schnell ein Foto am Dreiländereck, und dann die letzten 2 km  nach Nauders.
 
 
Etappe: Nauders -- Goldrain; km: 63,10, HM: 945
 
Der "worst case" für einen Alpen-Cross: die ganze Nacht ununterbrochen starker Regen. Entsprechend die Stimmung. Zu unser aller Bedauern  muss  eine weitere Routenänderung vorgenommen werden,  eines unser Tour-Highlights wird gestrichen. Die Uina-Schlucht, ist bei schönem Wetter schon eine Tor -Tour, bei Regen und Sturm quasi nicht passierbar. Also  wieder Kurzänderung und  auf Radweg im Regen zum Reschenpass. Im Vinschgau überraschen uns dann trotz Nässe, angenehme Temperaturen, so dass wir wieder halbwegs gut gelaunt, einfach einen zusätzlichen Anstieg am Sonnenberg nach Tannas in Angriff nehmen. Leider gab es in dieser "Idylle" kein Lokal welches uns bewirten konnte. So fliegen wir ziemlich  hungrig im Downhill, erst auf Straße dann auf Trail nach Goldrain, wo exakt mit unserem Eintreffen schon das nächste schwere Gewitter zu toben beginnt. Im Hotelschwimmbad verbringen  wir den restlichen Nachmittag, was wir im Nachhinein dann gar nicht so übel fanden.
 
 
Etappe: Goldrain -- St. Walburg i. Ultental; km: 64,9, HM: 2183
 
GruppenbildBis Latsch preschen wir nach kurzem heftigen Anstieg auf einem super SingleTrail oberhalb des Tales 5 km talwärts. Nach wenigen km auf dem Inn-Radweg kommt was kommen muss: der schier endlos lange Anstieg zur Naturnser Alm (1.922 m). Erst noch auf Asphalt, wo uns die naturbegeisterten Touries in Ihren PKW hupend überholen, um dann nach 1000 m zu Fuß mit Rucksack und Kniebündler auf der Alm  die gesunde Natur genossen, - RESPEKT.  Auf uns warten die letzen  km grober Schotter. Bei steigenden Höhenmeter und Temperaturen  tropft der Schweiß ordentlich in die Brille. Nach 1.400 HM am Stück schmecken uns die Spagetti hier oben natürlich besonders  gut. Ein super Gebirgstrail auf dem Bergrücken bringt  uns zur Abfahrt nach Pawigl. Dann liegt plötzlich das vor uns, was zu jedem echten AlpenCross  dazugehört: eine Klettersteigeinlage par Excelance. Mit der rechten Hand am Drahtseil, das Bike in der Linken, meist frei schwebend über dem Abgrund, hangeln wir uns ca. 300 m weit an einem Abgrund entlang. Nur gut, dass Dieser noch recht gut mit einigen Bäumen und Sträuchern bewachsen ist,High Level Abfahrtso dass auch „Nichtschwindelfreie“ diesen Pfad passieren können. In St. Pankraz schlürfen wir  noch einen Kaffee, bevor wir auf Straße nochmal ca. 400 Hm zum Hotel in St. Walburg zurück legen müssen.
 
Etappe: St.Walburg -- Madonna di  Campiglio, 65,4 km, 2.420 HM
 
Die Königsetappe; - 5 km einrollen auf Straße, dann auf zunächst mäßig ansteigendem Forstweg zur Kirchbergalm. Die uns dort gereicht frische, noch  dampfende Kuhmilch machte uns nicht so wirklich an. Unsere Geschmacksnerven kennen eben nur die pasteurisierte H-Milch-Version.  So bevorzugten wir unsere Iso-Getränke und machten uns auf den Weg zum Gipfel, zunächst  steil und steinig.  Langsam schmerzt der Rücken, die Beine. Trotzdem, weiter, immer weiter, dem Himmel entgegen. Der Weg wird steiler und  Steiniger, jede Kurbelumdrehung zählt. Irgendwann geht  nichts mehr, absteigen, schieben, tragen, schieben, die Schultern schmerzen, man führt Selbstgespräche, kein Schritt darf falsch platziert werden. Dann  plötzlich, das Dach der Tour, das Rabbi-Joch (2.449m) wird dann nach 1 Std. Tragepassage erreicht. Leider  bläst uns hier ein eisiger Wind durch unser schweißgetränktes Trikot, jetzt nur schnell die Windjacke überziehen, ein  Foto für die Daheimgebliebenen  und Abstieg zur Haselgruber Hütte, welche  wenige Meter unterhalb des Rabbi-Joch liegt. Ein sauberes und trockenes Trikot und eine heiße  kräftige Gemüsesuppe wärmt uns  von innen und stärkt Geist und Glieder.
GänsemarschDer  bevorstehende Downhill auf Gebirgstrail wird für manchen zur Zitterpartie; extrem steil, abschüssig,  grobe Felsbrocken und vor allem, wenig Gelände neben sich wo man sicher hinfallen könnte. Also kein falscher Ehrgeiz, einige sind hier nicht sicher, und schultern das Bike nochmal und steigen zu Fuß ab. Nach ca. 200 HM abwärts geht’s dann auf Schotterpiste im HighSpeed talwärts. Unsere Cracks bevorzugen hier sogar  den Fußpfad ins Tal. Die rasant schnelle Abfahrt nach Male auf Straße ist Erholung für die Beine aber vor allem für die Arme, die im Extrem-Downhill ordentlich mitarbeiten mussten. Im Vale di Sole, einem Teilstück der „Brenta-Runde“ stehen dann nochmal 17 km mit ca. 600 HM an. Zunächst auf Schotter,  noch leichter runder Tritt, dann aber  richtig steil, mit  18 % Steigung. Das zweite Trikot welches  wir an diesem Tag vor Schweiß triefend an uns kleben haben.
Der Weg,  mal links  mal rechts an einem Gebirgsfluss entlang,  durch und über Schluchten, und  immer wieder mit Blick zu dem traumhaften  Alpenpanorama der  links von uns liegenden Brenta, ist jedoch jeden Tropfen Schweiß wert. Kaum zu glauben aber wahr, der Brüller: als  Andy dann unsere Martina mit einem Schlauch abschleppt und  wie ein Eilzug den Weg hinauf prescht.  Mann traute kaum seinen  Augen, was für ein  Wahnsinnstempo die  Beiden  vorgaben. Von Endorphinen und Adrenalin  gedopt setzen wir Spinner dann noch die letzten 5 km auf Straße zu einem Bergsprint  hoch nach  Madonna die Camplio an. Hinter der Passhöhe jagen wir die letzten 3 km in auf Straße runter in den bekannten Wintersport-Ort .
 
Etappe: Madonna di Campiglio – RIVA del Garda,  72,73 km, 1.308 HM
Zunächst  durchs Val Agola, eine Teilstrecke der schon am Vortag genutzten “Brenta-Runde”, bis zum Lago die Agola.    Ein Plätzchen, wo man eigentlich nie mehr weg möchte. Wunderschöne Aussicht auf die Brenta, kristallklares Wasser, saftige Almwiesen, - hier ist die Welt noch in Ordnung. Ein beschwerlicher Anstieg zum „Passo Bregna de`l Ors“ kostet wieder Kräfte, belohnt uns aber mit einem Panorama, wie man es sonst nur auf Postkarten und Kalenderbilder kennt. Die  endlose Abfahrt auf Schotterpiste wird an der Albergo renta  (von der es einige gibt) für ein leckeres Mittagessen Landschaft purunterbrochen. Tipp: hausgemachte Nudeln mit Rehsoße. Auf der weiteren Abfahrt auf Asphalt reißen die Ventilstöcke bei den Felgenbremser  durch Überhitzung gleich reihenweise. Über Stenicio, Ponte Arche geht es ins „Val Lomasona“, wo uns dann der doch noch ein Wehrmutstropfen unseres Alpen-Crossabenteuers erwartete.  Der letzte Anstieg vor Riva, zunächst  wirklich wunderschön durch einen Kletterpark, durch Wald und Wiese mäßig ansteigend, dann aber die totale Sch…e.  300 HM müssen auf typischen Lago-Trails zurückgelegt werden.  Die Alternative wäre  auf Straße rechts und links des Klettergartens. Erst als  Karrenweg, dann nur noch Bachbett mit fußballgroßen Felsbrocken, mit mal mehr oder weniger Wasser und  sausteil, einfach echt nur eine Plackerei ohne Reiz welche man nicht wirklich will, zumal uns die Mücken als willkommene Abwechslung auf Ihrer Speisekarte sahen. Das 1te mal verfluchen wir unseren Guide (nicht wirklich). Dann endlich, nach 6 Tagen, aus einer Höhe von 1.050 m  liegt er unter uns, der Gardasee.  Nach einem ital. Espresso geht’s  im Highspeed auf  Straße  runter nach  Riva. Serpentine um Serpentine fallen die Höhenmeter, die Bremsscheiben glühen und müssen zweimal abgekühlt werden.
Sehenswürdikeit Turm im WasserDurch das von Touristen überflutete Riva  rollen wir zum Hafen  -  wir haben es geschafft.   Nach 6 Etappen, ca. 400 km, 10.000 HM, 2maliger Routenänderung, 3 Plattfüßen, und einer  Nettofahrzeit von  +/- 28 Stunden am Ziel.

Zunächst einfach nur sprachlos und  irgendwie auch enttäuscht dass „Er“ nun zu Ende ist,  eigentlich hätten wir noch tagelang fahren können. 

Eigene schmerzliche Grenzerfahrungen und Freudentaumel über das Erreichte lagen oft nah beieinander. Die Momente des Leidens sind schnell vergessen, was bleibt,  sind die Erinnerungen und das tolle Gefühl, mit sich zufrieden sein zu dürfen, - ein Lohn der sich durch nichts ersetzen lässt,  - man sich nicht kaufen  oder schenken lassen kann, - ein geiles Gefühl.

Dann endlich  schlägt die Besinnung in Jubel um.  Voller Freude gratulieren wir uns gegenseitig,  schlecken riesige Eistüten und  wussten im gleichen Augenblick dass wir nicht das letzte Mal über die Alpen sind.
Endziel