„. . . . die Lemberger kommen“Frohgemut

Mit dem Mountainbike von Mittenwald nach Riva del Garda

der AlpenCross 2009 des SV Lemberg

„die Momente des Leidens sind vergessen, was bleibt ist die Erinnerung und das tolle Gefühl, mit sich zufrieden sein zu dürfen – ein Lohn der sich durch nichts ersetzen lässt, - man sich nicht kaufen oder schenken lassen kann, - ein geiles Gefühl“, … mit diesen Erkenntnissen schlossen wie im letzten Jahr den Tourbericht unserer ersten Alpenüberquerung. Mit diesen Erfahrungen wuchs ein neues Gefühl von Zusammengehörigkeit und Freundschaft in unserem Verein. In dieser Euphorie wurde gleichzeitig der Grundstein für eine Wiederholungstat gelegt, die natürlich länger, weiter und höher werden sollte.  Aus Schweiß und Schmerz  entstehen eben immer noch die besten Teams. So startet auch 2009 fast die gleiche Gruppe der Lemberger Mountainbiker zu Ihrer 2ten Alpenüberquerung.
Rainer Brestel, Klaus Emser, Paul Ehrhart Sr. mit seinen Söhnen Max und Paul Jr., Rolf Gumbert und Jürgen Klan. Neu im Team, der für Andreas Klan einsprang, war Dietmar Preuss. Martina Germann verzichtet im Anbetracht der vorgenommenen Strecke auf den Start, - oder ob sie wusste dass es alleine schon von den Wetterbedingungen eine TorTour wird?? Die andauernde schlechte europäische Großwetterlage ließ ja kaum Hoffnung für schöne Tage. Zahlreiche Trainingsfahrten fielen deshalb schon im Vorfeld wegen dem Wetter aus oder wurden nur mit Unlust durchgezogen. Trotzdem galt unser Motto: „Der Berg ist das Ziel“. Wir buchten wieder bei „AlpenEvent“, dem Veranstalter der uns schon 2008 sicher über die Alpen führte. Die Route sollte so ziemlich alles an Höhenpunkte beinhalten was man in 7 Tage er`fahren` kann und wurde bei der Agentur noch nie in diesem Schwierigkeitsgrad gebucht.  Drei weitere Gruppen, ebenfalls von AlpenEvent betreut wollen auch nach Riva, haben aber die leichteren Variationen gebucht. Gelegentlich sollte man sich immer wieder treffen. Unsere Strecke führt zunächst östlich durch das Karwendel,  dann südlich über die Tuxer Alpen und natürlich dem Kernstück, durch die Dolomiten, bevor wir dann wieder westlich zum Gardasee ziehen wollten.  550 km und 17.000hm und ein tourerfahrener Guide der bereits informiert war, dass er eine Woche lang einen Haufen Verrückter zu führen hat erwarteten uns. So starteten wir am 03. Juli in 3 Teams, dem race-erfahrenen „Ehrhardtfamilyjunior-Team“, dem leicht übergewichtigen tourentauglichen „Ichfahrhaltmeintempo-Team“ und den geländegängigen alten Hasen „Wasunsnichttötetmachtunshärter-Team“ nach Mittenwald.


Etappe: Mittenwald – Schwaz, 89 km 1.850Hm:

AlpenlandschaftNachdem es nachts noch ordentlich geschüttet hat, bot sich welch Wunder, morgens nur ein dichtes Wolkenbild am Himmel, ein erstes Aufatmen. Die übliche Einrollphase fiel nur kurz aus, nach 5 km begann bereits der erste Anstieg mit 900 hm. Gleich recht steil, dann aber schön gleichmäßig durch das wunderschöne Karwendel am Karwendelbach entlang. Zum Karwendelhaus (1.800 m) zog man die Kette wieder etwas nach links und drückte ordentlich in die Pedale. Die anderen Gruppen rollten irgendwo vor oder hinter uns mit. Die überfüllte Einkehrmöglichkeit ließen wir aus und genossen unseren ersten Downhill, wo uns auch schon gleich 2 Plattfüße aus bremsten. Zum Plumsjoch  müssen weitere 800 Hm bewältigt werden. Die Auffahrt läuft meist schön rund auf fahrbarem Schotter, aber immer wieder gespickt mit Rampen dass die Oberschenkel glühen. Der einsetzende leichte Regen kühlt zwar, aber die Angst dass nun der gewohnt Dauerregen wie die Wochen davor  einsetzen würde trübte etwas die Stimmung. Gerade noch rechtzeitig vor einem neuerlichen Guss erreichten wir die Plumsjochhütte  (1.630 m)  nassem Trikot, Schweiß oder Regen? Egal, Trikotwechsel war notwendig. Die Einkehr ist natürlich Balsam für Geist und Magen. Gestärkt verlassen wir die Einkehr, die Regenwolken sind wieder abgezogen, die restlichen 300 Hm stehen uns nicht im Wege. Auf 1.920 m passieren wir das Plumsjoch. Die folgende Abfahrt ist allerdings brutal und auch für uns grenzwertig, 30% Gefälle, stark ausgewaschen, so dass sich nur noch gröbster Schotter und Fels unter den Reifen befand. Kehre um Kehre geht’s es einige 100 Hm in einer Felswand abwärts, das war schon Adrenalin pur und alle waren wir froh, dass wir sturzfrei  im Tal ankamen. Einen weiteren Plattfuß mussten wir verbuchen. Unser Guide meinte, dies sei nur zur Eingewöhnung. Am Achensee entlang, auf einem super Trail  knacken wir dann eine der anderen Gruppen. Natürlich müssen wir unseren Vorsprung ausbauen, überqueren den Inn, lassen die Kette nach rechts fallen und pacen auf Radweg südlich zu unserem Etappenziel, dem netten Städtchen Schwaz (545 m). Hurra, angekommen.


Etappe: Schwaz – Breitlahner; 63 km, 2.350 HM:

Und wieder scheinen wir mit dem Wetter Glück zu haben, leichte Bewölkung und warme Sonnenstrahlen beim Start.  8 km rollen wir ein, dann liegen 28 km, und 1.800 Hm am Stück vor uns. Zunächst noch auf Asphalt bis nach Weerberg, dem Tor zum Geiseljoch.  Bald schon brennt uns die so erhofft Sonne auf den Rücken. Bei 30 Grad tropft der Schweiß im Sekundentakt (3 p.Sec.) auf den Lenker. Ein Brunnen mit Trinkwasser erfrischt uns nochmal bevor wir dann die letzten Siedlungen verlassen und auf steilem Pfad und Waldweg weiter aufsteigen. Langsam wird der Wald lichter und wir erreichen die Baumgrenze.  Mittlerweile hat auch das Wetter schlagartig umgeschlagen, von der Sonne ist nichts mehr zu sehen, dicke graue Wolken haben sich breit gemacht, es nieselt und mit den steigenden Höhenmeter fällt die Temperatur um gefühlte 20 Grad.  Auf der Weidner Hütte (1.799 m) rasten wir für einige Minuten bevor der letzte Teil dieses Mega-uphill beginnt.  Irgendwann fällt uns auf, dass wir durch  reine, cm-hohe Kuhscheiße fahren, - der Bergbauer hier muss eine S.. sein, lässt die gesamte Brühe aus den Stallungen einfach auf den Weg laufen. Das Hinterrad rutscht durch, nur jetzt keinen Fuß auf den Boden. Kurve um Kurve schrauben wir uns weiter hoch. Überall um uns tauchen dann Schneefelder auf, entsprechend  müssen wir auf dem Geiseljoch (2.229 m) sofort Trikot wechseln und Windjacke überziehen. Ein eisiger Wind bläst uns um die Ohren. Das Lächeln für das Gruppenbild ist trotzdem echt. Vor lauter Nebel und Wolken ist kaum 100 m weit zu sehen ist, - schade.  Nur schnell abwärts, erst auf super Gebirgstrail, dann auf breiten steilen Feld-Almwegen. Dann kommt der Regen; 30  Minuten schüttet es wie aus Eimern. Völlig durchnässt erreichen wir den kleinen Ort Lanersbach, wo wir, nachdem wir wieder in trockene Klamotten geschlüpft sind richtig zünftig essen können, hmmm lecker, Kasknödelsuppe. Wetterprognose kritisch, also entscheiden wir uns zur Routenänderung und lassen das Tuxer Joch aus. Es stehen ja noch einige schöne Berge vor uns. Als wir aufbrechen treffen die Verfolger ein. Der Himmel reißt irgendwann doch auf und gut gelaunt fliegen wir nach  Mayrhofen  runter, wo wir die letzten 600 Hm auf Asphalt  zurück legen. Der urige Berggasthof  „Breitlahner“ (1.257 m) ist unser heutiges Etappenziel.


Etappe: Breitlahner – Kiens (Pusteral), 95 km 1.700 Hm:

Worst Case für alle: es regnet in Strömen, keine Aussicht auf Besserung und wir müssen, um endlich die Südseite der Alpen zu erreichen über das Pfitscher Joch über den Alpenhauptkamm.  Mit uns ziehen die 3 anderen Bike-Gruppen, denen das Gleiche bevorsteht los. Wetterbedingt lassen wir unser Vorhaben „wir müssen als Erster oben sein“ fallen, Ankommen ist die Devise.
FlussüberquerungWir starten zum Erstaunen der anderen Biker nur leicht bekleidet mit Kurzarm, kurzen Regenshorts und ärmellosem Windbraker,  keine Jacken, keine Handschuhe, wozu auch, das Zeugs wäre nach 10 Minuten tropfnass und würde für den Rest des Tages nutzlos. Den Fehler der dicken und viel zu warmen Textilien machen leider viele Biker. So machen wir uns „halbnackt“ auf zum Anstieg. Erst schmaler steiler Pfad, dazwischen  mal etwas Asphalt bis zur Talsperre „Schlegeisspeicher“,  Sichtweite: unter 20 m, die Tunnelstrecke dabei ist der einzige trocken Abschnitt an diesem Vormittag.  Die unangenehmen Temperaturen kompensiert die Körperwärme. Hinter dem Staussee  beginnt dann eine berüchtigte Schiebe/Tragestrecke die schon bei trockenem Wetter technisch höchst anspruchsvoll ist, aber bei dieser Nässe selbst mit den besten Reifen kaum fahrbar ist. Hier gibt es dann  auch die ersten blutenden Wunden welche durch die Nässen aber immer schlimmer aussehen als sie letztlich sind. Solange wir uns bewegen spüren wir zwar kaum die Kälte, aber es ärgert uns, dass wir von dem wilden Hochgebirgstal kaum etwas sehen, sondern immer nur aufwärts schieben und tragen müssen. Nur unser Jüngster, Max, hat offenbar keine Ahnung davon, dass sich ein Bike auch tragen lässt. Die lange Kette der  4 Gruppen zieht sich beachtlich, jeder muss alles geben um diese Strapaze zu bewältigen. Nach ca. 4 Std. Quälerei ist es geschafft, wir können endlich in der Hütte unterhalb des Pfitscher Jochs (2.250 m, Grenze Österreich/Italien)einkehren (und sind natürlich trotzdem Erster). Die Hütte war auf einen solchen Ansturm von über 40 Bikern bei einem solchen Sauwetter  nicht vorbereitet, entsprechend chaotisch geht es zu. Alle wollen aus den nassen Klamotten raus, umziehen trocknen... Nach einiger Wartezeit  kommt dann auch endlich heiße Suppe die uns wärmt und stärkt.  Keine Aussicht auf  Wetterbesserung, erneute Kursänderung wird entschieden, so müssen wir die ursprüngliche Route über das Pfunderer Joch streichen, und wählen die Strecke über  Sterzing. Nun schön warm, in unserer HighTech-Funktionskleidung, im Zwiebelschalensystem angelegt, mit Beinlingen, Überschuhe  winddicht eingepackt, die durchnässte und schwere Kleidung vom Vormittag im Rucksack, fallen wir halbwegs regenfrei die ersten km in Italien ein.  600 Hm tiefer ist es wieder so warm dass wir uns den Windjacken usw. entledigen und weiter auf rutschigen Feldwegen talwärts nach St. Jakob in Pfinsch rasen.  Es fängt wieder an gnadenlos zu schütten. Wieder ein Platten flicken, die Verfolger holen auf. Mittlerweile auch in dem 2ten Trikot klatschnass, legen wir die volle Regenkluft an. Das Wetter wird unbeschreiblich, so wählen wir des Bikers unbeliebteste Alternative, die Straße.  Dicht im Pulk, Hinterrad an Hinterrad pacen wir los. Die Regenmassen die vom Himmel kommen sind kaum zu fassen, das Wasser fließt auf der Straße mit uns talwärts, man glaubt es hält jemand ein Wasserschlauch auf uns, von oben, von unten, überall kommt nur Wasser auf uns zu und dringt überall ein.  Vorteil, die Bikes sind wieder ziemlich sauber. Nach ca. 60 Minuten ist der Spuk dann vorbei. An einer Tankstelle in Sterzing: umziehen, Cappucino, das übliche Ritual, die Verfolger überholen uns. Für die  bevorstehenden 35 km geht es auf dem Radweg zwar ständig fallend, aber immer wieder mit teils knackigen Kuppen bis zur bekannten Franzenfeste. Dort  werden die Verfolger wieder gestellt. Mit einer „LaOla-Welle lässt man uns passieren und biegen  links ins Pustertal um in Vientl dann endlich wieder einzukehren. Die nassen Kleider legen wir auf der Straße zum trocknen aus, was den Eindruck eines  Basars erweckt und uns einige nicht zu deutende  Blicke einbringt. Noch 10 km speeding auf stets leicht ansteigendem Radweg erreichen wir Kiens (780 m), wo man uns mit einer Südtiroler Herzlichkeit empfängt und uns ein Abendessen serviert welches uns die heutigen Strapazen schnell vergessen lässt.


Etappe:  Kiens – Lavarellahüte, 50 km 2.400 Hm:

Leider wieder schlechte Wetterprognose, trotzdem nehmen  wir uns die Tagesetappe original vor, also erst 1.400 hm hoch zum Kronplatz. Bereits in der Hälfte des Anstiegs werden wir wieder nass, es gießt mal wieder in Strömen, keine Zeit zum Bilder machen, keine Fernsicht, obwohl man von hier oben (2.275 m) normalerweise die schönste Rundumsicht über die Alpen hat, nur Nebel, Wolken und Wasser, das Agressionsparameter steigt.  Oben wieder schnell Kleidung wechseln, das nervt zwar total, ist aber unbedingt notwendig. Bei 8° Celcius würde man sich mit nassen Klamotten bei der Abfahrt nichts Gutes tun. Auf nassen, rutschigen und schmierigen Waldwegen geht’s trotzdem rasant schnell nach St. Vigil (1.220 m). Durch das grandiose  Fanestal, welches trotz Regen und Wolken für alle welche noch ein Blick dafür übrig haben ein landschaftliches Highlight ist, erreichen wir Pederü (1.548m). Nach einem Cappucino kommt auch zaghaft die Sonne wieder zum Vorschein. So steigen wir die letzten 650 Hm in herrlicher Landschaft, erst ziemlich steil und steinig, dann aber gemächlich, sogar leicht wellig abfallend weiter, an kleinen  Gebirgsseen und Bächen zum heutigen Etappeniel, der Lavarellahütte (2050 Hm). Leider können wir uns dann nach diesem weiteren Regentag nicht wirklich entspannen. Die Hütte ist völlig überfüllt, über 70 Mann übernachten hier, sogar im Flur und im Treppenhaus liegen die Freunde der Berge. Keine Möglichkeit die nassen Trikot zu trocknen, alles bleibt im Rucksack. Wir teilen unser Dachkämmerlein mit einem Schnarcher, der uns den notwendigen Schlaf und den letzten Nerv des Tages raubt. Draußen tobt ein Gewitter.
 

Etappe: Lavarellahütte – Pozza di Fassa, 65 km 2.450 Hm:

Endlich, Petrus scheint Erbarmen mit uns zu haben, die Sonne scheint. Nach einem hektischen Frühstück  starten wir zum Limojoch (2.170m). Zunächst an der Fanesalm vorbei, blicken wir auf die phantastische Bergwelt der Dolomiten, endlich mal klare Sicht, blauer Himmel, gigantische Felstürme um uns, tolle Trails vor uns, die uns 600 Hm  fallen lassendas Leben ist wieder schön. Über St. Kassian (1.537) rollt es auf gut fahrbarem Schotter hoch auf die Pralongia Hütte (2.109m) Hier belohnt man uns für die Anstrengung mit einem herrlicher Aussicht auf Kreuzkofel, Sellastock und Marmolada, - wir stehen im Herzen der Dolomiten. Weiter auf Traumtrails, kleine Wasserdurchfahrten, ein landschaftlicher und fahrtechnischer Genuß erster Klasse. Die folgende Abfahrt nehmen wir im Highspeed, zunächst auf einer präparierten Downhill-Strecke, die uns natürlich völlig geil macht, dann über Schotter, dann auf Asphalt  bis wir in Arabba kurz rasten. In Arabba  (1.600m)steht der nächste Berg steht wieder an. Der Passo Pordoi (2.240 m) ist selbst  auf Asphalt eine harte Nuss und zieht ganz schön Körner, zumal die Sonne heute sich von ihrer Sonnenseite zeigt, gnadenlos brennt, und die nun vor uns fahrenden Verfolger, bis Arabba wie üblich auf gekürzter Variante, ebenfalls zum Passo hoch müssen. Für uns natürlich Ehrensache als Erster oben zu sein. Max und Paul Jr. gelingt das spielend und treffen 20 Minuten vor dem Hauptfeld ein.  Auch die anderen unserer Gruppe  knacken den Großteil der vor Ihnen liegenden Teams. Ab jetzt hat man vor den verrückten Pfälzern größten Respekt, unseren Guide freut das besonders. Natürlich genießen wir alle das Ansehen welches man uns ab jetzt immer entgegenbringt wenn man sich trifft.
BergweiserEs heißt nur noch „die Lemberger kommen“ Auf dem Passo Pordoi freuen wir uns schon auf den berüchtigten „Bindelweg“; für jeden Mountainbiker ein MUSSS und ein Highlight im gesamten Alpengebiet. Stark ausgesetzt, an endlosem Steilhang entlang mit einem Traumpanorama, Marmoladagletscher, Fediasee und und und.  Aber, entweder stehen bleiben um die grandiosen Eindrücke aufsaugen oder konzentriert fahren, beides zusammen wäre hier fatal, so genießen wir selbstverständlich erst einmal die einmalige Aussicht. Bevor wir uns von 2.490 m wieder 1.100 m runter nach Pozza di Fassa stürzen ermahnt uns unser Guide, auf der Straße auf den Verkehr zu achten, wozu eigentlich? - die PKW hatten kaum eine Chance in der kurvigen Abfahrt. Mancher Autofahrer konnte kaum glauben dass ein Mountainbike so schnell sein kann. Voll mit Adrenalin wird an diesem Tag auf dieser Abfahrt auch die Höchstgeschwindigkeit der Woche erreicht: 86 km/h. Ein wunderschönes Hotel in Pozza (1.430 m) ist dann die Krönung für den ersten regenfreien AlpenCross-Tag. Die Welt ist wieder in Ordnung.
 

Etappe: Pozza di Fassa – Levico/Terme: 100km 2.400 Hm:
 
Heute sollte eigentlich die Königsetappe mit 135 km und 3.500 Hm anstehen. Leider steht auch das nächste Tief von Süden kommend vor uns. Starke Regenfälle und Gewitter sind angekündigt. So entscheiden wir die nur wenig einfachere aber vernünftigere Variante mit 100km und 2.400 Hm. Zunächst stark bewölkt geht es 15 km über Radweg nach Moena. Auch der erste Anstieg läuft recht flüssig über Asphalt zur Malga Tognola. Die Schotterstraße ist gut zu fahren und auf der Alm kann man gut einkehren. Ab dann wird der zunächst feinkörnige Schotter immer grober und die Oberschenkel müssen ordentlich drücken um die Höhenmeter zu bewältigen.   Die letzten Meter  müssen dann wirklich alle aus dem Sattel und das Bike schultern.  Paul Jr. wird zum König des Tages gekrönt, klettert der doch fast komplett auf dem Bike hoch. Hier oben findet man noch  Stellungen und Schützengräben, Zeugen der Gebirgskämpfe des 1. Weltkrieges, heute kämpfen hier oben nur noch Biker, meist mit sich selbst.  Langsam ermüden nicht nur wir, sondern auch das Material zeigt erste Verschleißerscheinungen. Ein Kettenriss ist noch leicht zu reparieren, ein angerissenes Dämpferlager muss im nächsten Ort,  wenn auch nur improvisiert ausgetauscht werden, ebenso zeigt eine Felge (Felgenbremser) starke Abnutzung und wird in diesem Zustand  garantiert nicht mehr in Riva ankommen. Die Abfahrt, oder besser der Abstieg  nach Coaria ist gespickt mit Schwierigkeiten und kostet Kraft, ein Paar unfreiwillige Bodenkontakte hinterlassen zwar nur leichte Schrammen, aber wir merken alle, dass die Körner bald verbraucht sein werden. Ringsum zieht das Wetter zu, Gewittergrollen ist zu hören.  Wir bleiben zum Glück dieses mal verschont. Irgendwo machen wir eine Rast. Draußen ist es fast schwarz wie die Nacht. Die Angst in ein Unwetter zu gelangen drückt etwas die Stimmung und lässt uns schneller als lieb ist wieder aufbrechen. Der letzte Pass des Tages, den „Passo 5 Croci“  (2.018m) nehmen wir erstaunlich locker. Eine lange aber schöne Auffahrt auf Asphalt zum Rifugio Refavaie und dann Schotter zum Passo Cinque Croci, die dabei anstehenden 600 Hm am Stück schocken uns nicht mehr,  Gewohnheitssache, erstaunlich wie leidensfähig der Mensch sein kann. Kurbelumdrehung um Umdrehung, Km für Km rollen wir weiter bis wir dann endlich das Tagesziel unter uns sehen, den Lago di Levico. Zügig fliegen wir in Levico-Terme (520 m) ein. Auch die  abgeschliffene Felge kommt gerade noch an, bevor sie dann tatsächlich in der Garage des Hotels endgültig aufplatzt. Was für eine Riesenportion Glück, nicht auszudenken wenn das während der Abfahrt passiert wäre. Wir erfuhren noch, dass 5 Mann aus den anderen 3 Gruppen die 135km-Variante wählten, um 21:30 ankamen und 14 Std. unterwegs waren, Ihnen gilt heute unser Respekt.
 

Etappe: Levico-Terme – Riva del Garda, 78 km 1.550 Hm:
 
Wir sind alle irgendwie gezeichnet von den letzten Tagen, ob Schürfwunde am Bein, aufgeschlagener Ellbogen, Prellungen an der Schulter, oder einfach nur müde Muskeln. Nachdem das Frühstück für ital. Verhältnisse 1. Klasse war, die kaputte Felge ausgetauscht ist,  lockt uns tatsächlich die Sonne nochmals auf unsere Stollengäule. Kein Einrollen, vom Hotel aus geht es direkt 900 Hm am Stück, auf Asphalt  wieder hoch auf 1.450 m zum „Kaiserweg“, ebenfalls ein Top- Spot für jeden Mountainbiker. Somit haben wir gute 60 % der heutigen Höhenmeter geschafft. Der Rest wird sich locker auf „normaler“ Gebirgsstecke summieren, sprich, einfach unter unseren Stollenreifen abgespult. Die Trails auf dem Kaiserweg sind einfach genial, wellig und kurvig, jedoch meist technisch  sehr anspruchsvoll. Trotzdem zieht Riva wie ein Magnet und das Tempo wird nicht nur hoch gehalten, sondern steigt noch stetig an. Langsam fallen dafür auch die Höhenmeter.  Die Pässe „Sommo“  (1.340 m) und „Borcola“ (1.200 m) sind keine großen Anstrengungen mehr.  So erreichen wir Rovereto wie gewohnt im Sprint, gewohnt sind wir auch den Regen der nun wieder einsetzt. Wir kehren in einer netten Kneipe ein, stärken uns, lassen das kurze Gewitter vorbeiziehen und gehen entspannt an die Schlusspart: Rovereto – Riva. Keine nennenswerte Höhenmeter, einfach nur Kette rechts  und  los geht’s im wechselnden Windschatten. Als ob es heute der erste Tag wäre erreichen wir wieder eine Tagesdurchschnittsgeschwindigkeit von 22,6 km/h. Die letzten 5 km, die Abfahrt nach Riva, auf Straße, wieder erstaunen wir so manchen Autofahrer. Dann sind wir am Ziel, das Ufer des Gardasees (6o m). Dicke schwarze Wolken  liegen über dem See, trotzdem beeindruckt, sprachlos, nur mit einem dämlichen Grinsen im Gesicht.  Wieder diese Gefühl, - unbeschreiblich, unbezahlbar.  Alle Strapazen sind vergessen, jeder Fluch, wenn man glaubte man kann nicht mehr, war überflüssig. Dieser Lohn, dieser Sieg über einem Selbst  bezahlt uns für alles was wir auf diesem außergewöhnlichen AlpenCross an Qualen und Strapazen auf uns nahmen. Selbst beim Schreiben dieses Textes bekomme ich schon wieder eine Gänsehaut. Wir werden es wieder tun.
Gruppenfoto
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